Ein Wochenende Leipzig

Es traf sich gut, dass meine Frau zu einem Kongress nach Leipzig wollte und ich an dem Wochenende keine Termine hatte. So konnte ich mir eine Route zu unterschiedlichen Fahrradläden in der Stadt zusammenstellen. Da ich am Freitag noch arbeiten musste, reißten wir getrennt an. Ich hatte mir ausgerechnet, nach meiner Ankunft sogar noch ein, eventuell sogar zwei nahe beieinander liegende Läden besuchen zu können. Die Tage waren noch lang und das Wetter versprach für dieses Wochenende nur Gutes. Doch diese Rechnung hatte ich ohne die Bahn gemacht. Auf dem Streckenabschnitt zwischen Köthen und Halle war ein Zug liegen geblieben, der nun erst in den Bahnhof Köthen zurück geschleppt werden musste. In dieser Situation half mir mein Brompton nicht wirklich weiter, da die 61 km mich weder konditionell noch zeitmäßig meinem Plan näher gebracht hätten. Also geduldig warten und daran denken, das Bach in seiner Köthener Zeit für die Strecke Leipzig – Köthen weder Fahrrad noch Bahn zur Verfügung hatte, weil unbekannt und mit der Kutsche wohl deutlich länger unterwegs war als ich heute mit dem Rad wäre (Kondition vorausgesetzt). An uns für die Ersatzlok vorbei um den Liegenbleiber zurück zu holen und ich verschob den Besuch der Fahrradläden auf Samstag.

Am Morgen startete ich nach dem Frühstück. Meine Frau hatte sich mit dem Leihrad auf den Weg gemacht und ich mir eine Tour für mein Brompton zurechtgelegt. Das Handy mittels „Fin“ von Bike Citizens am Lenker montiert verlies ich schnell die mir bekannten Straßen des Zentrums.

Erstes Ziel war Pistrada im Leipziger Westen. Im Laden traf ich Ronald Saupe, einen der beiden Eigentümer an. Die Sonne hatte anscheinend die Kunden eher aufs Rad als in den Laden gelockt, so dass Ronald mir etwas über den Laden, das Programm und die Radszene in Leipzig erzählen konnte. Die Sonne lockte auch uns vor den Laden. Begonnen hatte alles in Chemnitz zusammen mit einem Rahmenbauer. Dann der Wechsel nach Leipzig. Hier kommt er an, als so langsam der Run auf Fixie und Singelspeed dem Ende entgegen geht. Es heißt sich neu zu positionieren. „Dabei kann einen ein langer Winter schon etwas die unternehmerische Luft nehmen“ wie Ronald bemerkt. Aber zwischenzeitlich kommen die Radfans auf den Gravel- und Cross-Bike-Geschmack. Brother, Fuji und Pelago bilden bei Pistrada die Basis in diesem Segment. Pistrada ist aber auch der einzige Schindelhauer-Shop in der Region. Mir hat es heute aber eher ein Brother Kepler im Laden angetan, in dem ich mich etwas ausgiebiger umsehen kann, da ein Kunde einen Rahmen abholen will den er bestellt hat.

Auch er hat gefallen am Kepler in der Farbkombi Aqua gefunden. Dennoch muss mein Traum noch ein wenig warten. Daneben beschäftigen sich Ronald Saube und sein Partner noch mit alten Rennrädern. Sie hatten einen Sammler aufgetan, der das ein oder andere Stück abgegeben hat., Doch langsam wird der Markt leerer (und teurer). Ronald erzählt noch von den Problemen gute Mitarbeiter zu bekommen. Der Fachkräftemangel ist auch hier in Leipzig und bei den Radläden angekommen. Enthusiastische Schrauber nutzen ihm wenig. Die reparieren auch noch die ausgelutscheste Schaltung und häufen dabei soviel Stunden an, das dem Kunden die Tränen kommen. Es geht auf den Mittag zu und ich mache mich wieder auf den Weg, weiter durch Leipzigs Westen, nicht ohne einen letzten Blick auf das Kepler zu werfen.

In der Merseburger Straße lockt mich die gemütliche Straßencafe-Atmosphäre ins Süss + Salzig auf einen Milchcafe. Am Nachbartisch wird gefrühstückt mit Kaffee und Mate, Marmeladenbrötchen und veganem Mett. „Hier gibt’s im Umkreis von 5 Kilometern kein Fleisch“ schnappe ich vom Gespräch auf, bevor ich mich wieder mit meiner Fahrradladenauswahl beschäftige.

Dr. Seltsam ist mein nächstes Ziel, eine ‚seltsame‘ Kombi aus Fahrradladen und Bar. Und diese Kombination wird mir zum Verhängnis. Da das Wochenende gute Tage für die Bar sind, hat der Radladenteil nur von Montag bis Freitag auf. Hinter der Theke finde ich nur einen Mitarbeiter, der die Hinterlassenschaften der Freitagnacht aufräumt.

Ich kann noch ein paar Fotos machen und die Visitenkarte zu meinem Blog hinterlassen und will schon grad weiter als ich noch den Tip bekomme, dass eine Ecke weiter ein Laden mit echt alten Rädern sei. Solche Tips höre ich gerne, da nicht jeder Laden bei der Googlesuche auftaucht. Ein Nachbar holt sich Milch bei Dr. Seltsam und ein vorbeikommender Radler borgt sich Luft. Ich mache mich auf den kurzen Weg zur nächsten Straßenecke.

Aber auch bei VintageVelo habe ich kein Glück. Der Laden hat geschlossen. Durchs Fenster entdecke ich zahlreiche alte Schätzchen.

Außer Nase Plattdrücken an der Scheibe bleibt für mich heute nichts, denn unter der freundlicherweise angegebenen Nummer erfahre ich nur, dass der Laden auch heute geschlossen bleibt. Die Einblicke sind jedoch so überzeugend, dass VintageVelo einen nächsten Leipzig-Besuch notwendig macht.

Langsam ist es Mittag und ich fahre etwas ziellos weiter durch Plagwitz. Plötzlich entdecke ich an einem alten Industrieareal ein Hinweisschild: Rotor-Bikes. Den Namen hatte ich schon mal gehört aber nicht mehr auf dem Schirm. Also doch mal nachsehen, ob die Reklame noch zu einem Unternehmen gehört. Darüber hinaus versprach das alte Industrie-Gelände schöne Fotomotive. Im ersten Anlauf schien meine Urban-Exploring zwar gute Motive aber keinen Bike-Shop hervorzubringen. Als hinter der nächsten Ecke lediglich eine Tanzschule zu entdecken war, wollte ich schon aufgeben. Doch mein Navi führte mich weiter ans andere Ende des Industrieareals. Über eine Terrasse erreichte ich dann Rotor-Bikes.

Ein kleiner Laden mit gemütlicher Sitzecke und Vitrinen für edle Komponenten. Die Schrauberecke durch eine Glaswand abgeteilt, an den Wänden hängen Räder mit konservierten Schlamm, denen man die Long-Rides ansieht. Afrika, die Sahara vielleicht, Südamerika. Ich komme mir recht klein vor bei den Distanzen die die Rotor-Bikes zurücklegen. Timo kommt auf mich zu. Er schraubt gerade an einem alten Rad und versucht die Lichtanlage wieder in Gang zu setzen. Eigentlich ist er heute nur Gast, aber er und Sebastian, der den Laden führt, haben schon viel gemeinsam verbracht, so dass er die Story von Rotor-Bikes fast genauso gut kennt.

Die Marke wurde für individuelle Räder gegründet, die zwar keine Rahmen nach Maß baut aber die Rahmen individuell komplettiert um die Ansprüche der Kunden zu erfüllen. Und diese Kunden wollen in der Regel weit reisen mit einem Rotor. Die Ausstellungsräder an der Wand sind keine Show sondern bilden die Zielgruppe ab, auch wenn es nicht immer gleich Feuerland oder die Wüste Gobi ist.

Rotor will individuell ausgestattete Bikes bauen, deren stabiler Rahmen mit robusten Komponenten ausgestattet sind, die auch in extremen Situationen präzise und zuverlässig arbeiten.

Die Geschichte von Rotor-Bikes ist wechselvoll. Irgendwann wurde Rotor verkauft. Der alte Standort war zu groß um das Unternehmen neu aufzustellen. Mittlerweile ist das Unternehmen gefestigt und Sebastian träumt vom eigenen Rahmenbau. In jedem Fall ist der jetzige Standort nun wieder zu klein und ein Umzug fest ins Auge gefasst. Mein Handy erinnert mich daran, dass die Tagung meiner Frau zu Ende geht und ich verlasse Rotor-bikes mit einem letzten Blick auf das sandsturmdekorierte Rad an der Wand. Meine Träumerei von Fernreisen endet jetzt erstmal im Straßennetz von Leipzig. Bike Citizens bringt mich auf einer entspannten Route zum Tagungszentrum und uns gemeinsame weiter durch Leipzig.

Der Sonntag war für die Stadt und die Museen geplant. Zwar mit Rad aber ohne Fahrradläden. Aber ganz ohne Fahrräder schauen gings dann doch nicht. Begonnen hat der Tag mit einem Besuch Stadtgeschichtlichen Museum der Stadt Leipzig in dem auch das Sportmuseum untergebracht ist . Hier ist die Sportgeschichte der Stadt und Region dargestellt und natürlich auch die Ikonen des Rennradsports der DDR.

Das man auf Hochrädern Rennen fahren kann, hätte ich bis vor ein paar Jahren nicht geglaubt. Dann konnte ich spannende Runden auf dem Tempelhofer Feld miterleben, wo Hochradfahrer um die Wette fuhren.

Natürlich sind die Profimaschienen von Diamant ausgestellt und Rennmaschienen der letzten Jahre der DDR, in denen der Staat wertvolle Devisen für italienische Spitzenprodukte ausgab. Mit über 90.000 Objekten ist das Sportmuseum Leipzig eine der größten sporthistorischen Sammlungen. Der größte Teil der Sammlung wartet jedoch in den Depots auf den Startschuss zum Neubau eines eigenen Museums. Den Rest des Tages geht es dann weiter zu anderen Kunstwerken. Doch ein Rad entdecke ich dann doch noch im Museum der bildenden Künste:

750_8095Der nächste Besuch Leipzigs steht jedoch schon wieder auf der Agenda.

 

 

 

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