In den letzten Wochen ging der Insolvenzantrag der niederländischen Accell-Group durch die Medien und Internetportale. Der Accel-Group gehört daneben u. A. Lapierre, Winora, Hibike, Baboe und Ghost. Lange Zeit gehörte Raleigh zu Derby-Cycle, die mittlerweile als FOCUS & Kalkhoff Holding firmiert. Allein diese wenigen Sätze machen deutlich, wie wechselvoll die Raleigh Geschichte in den letzen 20 Jahren verlaufen ist. Von der Gründung 1887 bis in die 60er Jahre des 20sten Jahrhunderts verlief die Entwicklung stetig nach oben, war jedoch immer wieder von Kriesen bestimmt. Die ersten Eigentümerwechsel in den 1890er Jahren, die Weltkriege und der Aufstieg von Motorrädern und Autos in den 50er und 60er Jahren waren Herausforderungen für den zeitweise größten Fahrradhersteller der Welt.

One million Bicycles in Nottingham
Katie Meloa besingt zwar die One Million Bycycles in Beijing, aber eigentlich passt der Song auch gut zur Geschichte von Raleigh. Die 1887 gegründete Marke entwickelte sich einst zum größten Fahrradhersteller der Welt. In Spitzenzeiten fertigte das Unternehmen nach eigenen Angaben bis zu eine Million Fahrräder pro Jahr in Nottingham und beschäftigte mehr als 8.000 Mitarbeiter.
Nach dem stetigen Aufwärtstrend und zahlreichen Zukäufen zeigte sich in den 60er Jahren erste Krisen ab. Die Modelle Chopper, bei uns besser bekannt als Bonanza-Rad und Griffter retteten in den 70er Jahren die Marke.
Die Geschichte von Raleigh ist hervorragend und ausführlich in den Büchern von Tony Hadland beschrieben. Ich will die Details, die Erfolge im Renngeschehen, die besonderen Produkte der Specialist Bicycle Development Unit und später der Special Products Division nicht im Einzelnen erläutern. Mich interessiert heute der Niedergang ab 1987, als 100 Jahre nach der Gründung.

Die TI-Ära
1987 wurde Raleigh von der TI – Tube Investment Group verkauft. TI war eine Holding für spezielle Ingenieur – Companies. TI hatte in den 50er Jahren durch den Kauf der traditionellen britischen Marken Armstrong, Norman, Sun, Phillips und Hercules Cycles die British Cycle Corporation geformt und Ende der 50er Jahre sind das Raleigh Management und die Führung von TI sich einig, dass nur eine Zusammenarbeit in eine gute Zukunft führt. 1960 schließlich kauft TI Raleigh.
In der TI-Zeit folgen die großen Rennerfolge. Das niederländisch-britische, später rein niederländische Rennteam TI-Raleigh fährt unter Peter Post viele Siege ein. Weitere Teams wie Weinmann-Raleigh und Raleigh-Panasonic festigten den Ruf von Raleigh für hochwertige Produkte. Die Räder für die Profis werden in der SBDU gefertigt und die in den jeweiligen Teamfarben lackierten Räder füllen die Raleigh Kataloge.

Die Specialist Bicycle Development Unit
Ende der 70er Jahre gb es insbesondere in den USA einen Lightwight-Boom. Eine kaufstarke Klientel suchten leichte Rennräder mit hochwertigen Komponenten. Diese Zielgruppe konnte konnte aus der Großserie in Nottingham nicht mehr bedient werden. Folgerichtig wurde 1973 in Ilkeston unter der Leitung von Gerald O’Donovan eine spezielle Unit für made-to-measure Rahmen errichtet. Hier wurden die berühmten SBDU-Rahmen gefertigt. Ein kleines Team um O’Donovan und Werkstattmanager Mike Mullet fertigt hier Rahmen für Profis und Fans der Marke, für die schon damals ein Rennrad etwas besonderes war. Ich habe mehrere SBDU Räder und freue mich auch einen Mike Mullet Rahmen zu besitzen, der noch auf seine Komplettierung wartet. 1986 wurde Ilkeston geschlossen und ein Teil der Mitarbeiter wechselte in die Lightwight Unit in Nottingham. Allein die Ilkeston-Jahre weisen eine beeindruckende Liste von internationalen Rennerfolgen auf. Allerdings zeigt das Ende von speziellen Units oftmals schon den Weg in das Ende einer Era
Die Derby Era
Im April 1987 verkauft TI die Raleigh Bicycle Corporation an die Derby International Corp SA in Luxenburg. Der Name Derby ist ein Kunstname und geht nicht auf die Osnabrücker Partnerstadt zurück sondern auf den amerikanischen Begriff für einen Bowler. Gegründet wurde der Konzern von Alan Finden-Crofts, dem vorherigen Chef von Dunlop Slazenger und A. Edward Gottesman Gottesmann war Teilhaber einer der ersten US-Amerikanischen Rechtsanwaltsfirmen in London und dort seit 1962 ansässig. Darüber hinaus war er mit der Gründerfamilie von Raleigh, der Familie Bowden bekannt. Wie Frank Bowden hat auch Gottesman ein Faible für Fahrräder. Aus dieser Gesellschaft geht die Derby Cycle Corporation hervor.
Im Jahr 1988 erwirbt die Derby Group die Marke Kalkhoff von der insolventen Neue Kalkhoff Werke GmbH & Co. KG in Cloppenburg und damit entstehen die Derby Cycle Werke GmbH. 1992 dann wird die Derby Holding gegründet, in der die Derby Cycle Corporation und die Raleigh Fahrräder GmbH aufgingen. In den Derby-Jahren bleibt das Produktionsprogramm weiter vielfältig.
In 1997 werden 80% der Derby Assets an Amerikanische Investoren verkauft. In den Folgejahren werden mehrere Capital-Umstrukturierungen nötig. Immer wieder werden Jahre mit hohen Verlusten abgeschlossen. Eine Übersicht der Tochtergesellschaften im Jahr 1998 liest sich wie das who is who der britischen Fahrradgechichte: Armstrong, BSA, Carlton, Gazelle (GB), Hercules, Brooks, Moulton, Phillips Cycles, Rudge, Sturmey Archer usw. Auch Winora-Staiger gehört bereits dazu.
Im August 2001 versucht die Derby Cycle eine US Insolvenz zu verhindern. Derby International, nun Derby Group, kauft die Derby Cycle Corporation und fimiert sie um in die Raleigh Cycle Ltd.
2011 tritt nun die Accell Group auf die zu diesem Zeitpunkt 22% an Derby besitzt. Sie versucht eine feindliche Übernahme von Derby Cycle, die jedoch scheitert.
Die Derby Group besitzt seit 1988 das Markenrecht an Raleigh und verkauft diese 2012 im Zuge der mehrheitlichen Übernahme durch die niederländische Pon-Gruppe an die ebenfalls niederländische Accell-Group. Pon ist ein breit aufgestelltes Familienunternehmen, das bereits Gazelle besitzt. Von war in den 50er Jahren Generalimporteur für VW in den Benelux-Ländern. Derby Cycle behält aus dem Deal die Lizenzrechte für den deutschsprachigen Raum. Die Marke jedoch besitzt die Accell-Group. Im Herbst 2023 werden die Lizenzrechte für Derby nicht verlängert und Enden im September 2023.

Der Schlussakkord von Raleigh
Der Schlussakkord setzte jedoch bereits deutlich früher ein. In dem prächtigen, großformatigen Band von Joop Holthausen und Jacob Bergsma „Het Slotakkoord va Raleigh“ wird die erfolgreiche Renngeschichte Raleigh’s dargestellt. Die internationalen Erfolge enden mit dem Ende von TI-Raleigh im Jahre 1983. Zwar versucht das Team Panasonic-Raleigh an diese Erfolge bis 1992 anzuschließen ist aber längst nicht so erfolgreich. Auch stattet Raleigh weiterhin kleinere Teams wie z.B. Foreldorado-Golff 1997 mit Rädern aus Reynolds 853 aus, aber die kaum beachteten Rennen lassen sich nicht mehr in wirtschaftlichen Erfolg umsetzen.
Zwar werden in den 2000er Jahren noch Rennräder angeboten aber wirklich mitspielen können auch die Modelle in Aluminium und Carbon nicht mehr. Ab den 2010er Jahren tauchen dann zumindest in den mir vorliegenden Katalogen keine Rennräder mehr auf. Stattdessen wird ein etwas wilder Mix aus Touren und Kinderrädern geboten. In den Derby-Jahren setzt man dann nahezu ausschließlich auf e-Bikes und weißt Raleigh auch noch den Part konservativer Rahmen im unteren Preissegment des Konzerns zu. Der langsame Tod der Marke hat längst eingesetzt.
Die kurze Accell-Geschichte
Damit endete die Ära von Raleigh in Großbritannien nun endgültig, da die Geschicke der Marke nun aus den Niederlanden gesteuert wurden. Die Accell-Group besitzt zu diesem Zeitpunkt bereits Marken wie Lapierre, Ghost, Batavus und Babboe.
Raleigh wird in die Accell UK & Ireland integriert. In den letzten Jahren geriet Accell jedoch immer tiefer in eine Krise.
Accell wurde 2022 im Rahmen eines Übernahmeangebots im Wert von 1,4 Milliarden Euro (1,2 Milliarden Pfund) von der US-amerikanischen Private-Equity-Gesellschaft KKR erworben. KKR setzte darauf, vom weltweit wiedererwachten Interesse am Radfahren in Städten zu profitieren. Die Übernahme durch KKR erfolgte auf dem Höhepunkt der Coronavirus-Pandemie, als die Nachfrage nach Fahrrädern sprunghaft anstieg, da die Menschen aufgrund von Lockdowns auf ihr unmittelbares Wohnumfeld beschränkt waren. Die Branche konnte sich jedoch nicht schnell genug anpassen; sie hatte die Produktion massiv hochgefahren, nur um festzustellen, dass sie den Höhepunkt der Welle bereits verpasst hatte. Infolgedessen blieben die Hersteller auf großen Lagerbeständen sitzen, die schließlich mit Preisnachlässen abverkauft werden mussten.
KKR hatte gehofft, Kosten zu senken und betriebliche Abläufe zwischen verschiedenen Marken zu bündeln. Im Februar sah sich das Unternehmen jedoch gezwungen, das Geschäft an die Gläubiger zu übergeben – eine Gruppe nicht namentlich genannter europäischer Banken und Investoren. Die neuen Eigentümer versuchten, eine Übernahme durch Dutech Holdings – genauer gesagt durch deren Tochtergesellschaft Tri Star Group mit Sitz in Singapur – zu vereinbaren, doch diese Gespräche blieben erfolglos.
2023 hat die Gruppe 340.000 Räder auf Lager. 2024 brach der Umsatz um 22 Prozent ein und der Gewinn sank aufgrund der Nachfrage-Krise. Weil die Schulden auf rund 1,4 Mrd. Euro angestiegen waren, wurde 2024 mit den Gläubigern ein Schuldenschnitt vereinbart. Aber auch das half nicht.
Anfang August 2026 stehen die Accell Group Holding B.V. und ihre niederländischen Tochtergesellschaften vor dem Aus. Der europäische Fahrrad- und E-Bike-Hersteller (Haibike, Ghost, Lapierre, Raleigh u.a.) kann seine finanziellen Verpflichtungen nicht mehr erfüllen, obwohl im Februar 2026 eine Umschuldung mit Gläubigern vereinbart wurde. Alle Versuche, eine tragfähige Lösung für den Fortbestand des Unternehmens zu finden, blieben erfolglos.
Die niederländischen Gesellschaften der Accell Group haben einen Zahlungsaufschub über ein Insolvenzverfahren beantragt. Das Unternehmen gab am 5. August 2026 bekannt, dass die Geschäftsführung zu dem Schluss gekommen ist, die finanziellen Verpflichtungen nicht mehr fristgerecht erfüllen zu können. Der nächste Schritt sind lokale Insolvenzverfahren für die betroffenen Tochtergesellschaften.
Inzwischen wird für Lapierre ein gesondertes Verfahren in Dijon vereinbart. Und Raleigh?
Bikeradar schreibt am 7. August 2026:
„In Großbritannien hat Accell UK & Ireland – die in Nottingham ansässige Muttergesellschaft von Raleigh – die Absicht angemeldet, ein Insolvenzverwaltungsverfahren einzuleiten. Dies verschafft dem Unternehmen einen Zeitraum von rund zehn Tagen, in dem es rechtlich geschützt ist, um das Geschäft umzustrukturieren oder zu verkaufen.“
Die Cyclingweekly schreibt am 13.8.2026:
„Es gibt jedoch Hoffnung am Horizont, da die in Irland ansässige Investmentfirma Quanta Capital öffentlich ihr Interesse am Erwerb der gesamten Gruppe bekundet hat.“
Und weiter:
„Wir haben Kontakt mit Accell und seinen Administratoren aufgenommen, um unser Interesse am Kauf der Gruppe zu formalisieren. Quantas Angebot wird sich aus einer Reihe von Investoren und einem globalen Finanzinstitut zusammensetzen. Mehr können wir derzeit nicht sagen“, sagte Mel Sutcliffe, CEO von Quanta Capital, gegenüber Bike Europe.
„Unser Hauptziel wird es sein, die Gruppe auf eine stabilere Basis zu stellen, da sie eine ziemlich turbulente Handelsphase durchgemacht hat“, fuhr er fort. Sutcliffe ist ein ehemaliger Elite-Radsportler, der zuvor Raleigh Ireland betrieben hat. Ein Angebot könnte bereits nächste Woche vorliegen.
Zumindest wäre mit Sutcliffe wieder Radverstand bei den Eigentümern.
In eine ganz andere Richtung zielt die Initiative von Milan Radulovic, dem Ratsvorsitzenden des Broxtowe Borough Council.
Radulovic erklärte, Vertreter der Verwaltung stünden mit dem Unternehmen in Kontakt, um zu erörtern, wie die Fahrradmarke an einen Standort in Awsworth (Nottinghamshire) zurückkehren könnte – möglicherweise verbunden mit einem Raleigh-Museum zur Würdigung ihrer Tradition.
Der Broxtowe Borough Council war der Vermieter von Raleigh, nachdem das Unternehmen im Zuge einer Umstrukturierung im Jahr 2024 seinen Sitz in Durban House in Eastwood bezogen hatte.
Radulovic betonte, es handele sich zum jetzigen Zeitpunkt „nur um eine Idee“, doch die Behörde solle nach „konstruktiven Wegen“ suchen, um Unternehmen in den Bezirk Broxtowe zu holen.
Er sagte: „Es bedarf eines Eingreifens der Regierung.
Die für Accell zuständigen Insolvenzverwalter wurden um eine Stellungnahme gebeten.
In einem Bericht des Manager-Magazins in den letzten Tagen geht der Autor davon aus, dass die Accell-Group zerfällt. Wie Lapierre beginnt nun auch Accell Deutschland mit den Marken Winora Hibike und Ghost sich auf eigene Füße zu stellen.
Wird Raleigh für den Investorenmarkt nach den jahrelangen Reduzierungen des Markenportfolios noch interessant sein? Bereits unter Derby wurde Raleigh mehr und mehr auf den E-Bike-Markt reduziert und bekam die untere Range unter der Marke Kalthoff zugewiesen. Auch Raleigh UK war zuletzt auf E- und Kids-Bikes reduziert.
Ein CEO der Fahrradbranche sagte dem Manager-Magazin, dass die Branche noch keine ausrechenden Schritte zur Nachhaltigen Erholung zeige und Markensammler keinen langfristigen Erfolg haben würden.
Auch im Artikel des Managermagazins von dieser Woche wird Sutcliff weiter als Interessent genannt. Ob für den Gesamtkonzern oder Teile davon ist noch nicht klar.
Literatur:
Bowden, Gregory Houston (1976), The Story of the Raleigh Cycle
Hadland, Tony (2012), Raleigh – The All-Steel Bicycle
Hadland, Tony (2023), Raleigh- Past and Presence of an Iconic Bicycle Brand
Holthausen, Joop und Bergsma, Jacob (2024
https://www.bike-magazin.de/fahrraeder/city-bikes/accell-geht-geld-aus
https://www.bbc.com/news/articles/c2ell1vnlweoGovernment urged to ’salvage‘ Raleigh’s name
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