Mal wieder Kopenhagen

Für jeden Fahrradfan ist Kopenhagen ein muss. Dabei geht es nicht um sportliche Events oder gar eine Vintage-Bike-Veranstaltungen. Mir ist auch kein Fahrradmuseum in Kopenhagen bekannt, nein, es geht um Alltags-Radfahren. Darüber hinaus ist Kopenhagen auch mit Fahrradläden sehr gut bestückt. An jeder Ecke scheint ein Fahrradgeschäft zu sein und auch einige außergewöhnliche Labels sind in Kopenhagen zuhause.

Nun war ich schon einige Male in CPH, wie die Stadt sich selbst abkürzt und die Hauptziele der Touristen standen nicht auf unserer Liste. Wir hatten diesmal zwei unserer eigenen Räder mitgenommen um uns durch die Stadt treiben zu lassen. Treiben lassen konnten wir uns wirklich, da ich mich mittlerweile ein wenig auskenne und im Bereich von 5-10 km um die Stadtmitte einigermaßen ohne Navi auskomme. Allerdings verlief der Start nicht ganz reibungslos. Ich hatte erst vor kurzem ein Rih-Sport aus den 70-ern aus Amsterdam erstanden und musste bereits auf beim Zwischenstopp auf Fehmarn den einzigen mitgenommenen Ersatzreifen aufziehen, da der Vorderreifen nach 5 km seinen Luftvorrat so sehr dezimiert hatte, das an Fahren nicht mehr zu denken war. Leider war nun auf dem Hinterrad noch der Schlauchreifen, mit dem ich das Rad erstanden hatte. Er hatte zwar schon ein paar Blessuren, hielt aber bisher gut die Luft. Frisch am Nachmittag im Hotel angekommen, wollten wir noch eine kleine Kaffee-Runde in den Stadtteil Nørrebro unternehmen. Entlang des Sankt-Jörgens-Sees auf gut ausgebautem Radweg bemerkte ich plötzlich eine Unwucht am Hinterrad. Der Blick auf den Reifen an der nächsten Kreuzung bestätigte meine Befürchtung. Es bildete sich eine im Augenblick noch unscheinbare Blase. Der Hinweis, das wir wohl bald umkehren müssten, wurde von meiner Frau mit einem Verdrehen der Augen quittiert. Schließlich hatten sich schon durch die Luftverluste des Vorderreifens auf Fehmarn die Radtouren etwas unregelmäßig gestaltet. Wie bestellt fand sich jedoch am Ufer ein schönes Kaffee um wenigstens diesen Programmpunkt ohne Zwischenfall zu erreichen. Die Kopenhagener saßen entspannt in der Sonne und wir genossen die ersten Momente unserer Tour. Plötzlich gab es einen Knall, der einem Pistolenschuss glich. Sämtliche Gespräche an den Tischen verstummten, das Personal kam aus dem Café gestürzt und zu allem Überfluss kreiste wie bestellt auch noch ein Hubschrauber über der Szene. Nachdem aber weiter nichts geschah, wandten sich die Menschen wieder Cappuccino und Nusstorte zu. Nur meine Frau und ich kannten den Grund für den „Schuss“. Der Hinterreifen des schönen Rih hatte dem Druck nicht mehr standgehalten. Vorsichtshalber setzten wir den Bummel durch Nørrebro erstmal zu Fuß fort, um einerseits nicht mit dem Knall in Verbindung gebracht zu werden und andererseits die Felge des Rih nicht zu sehr zu belasten. Nørrebro ist ein lebendiger Stadtteil mit zahlreichen Secondhand-Läden und Vintageshops. Erfrischen kann man sich gut im Nørrebro Bryghus in der Ryesgade. Wir stoßen auch auf den Assistens Kirkegård, einen alten Friedhof, der, von Rad- und Fußwegen durchzogen von den Bewohnern des Viertels zu Picknick und Sonnenbad genutzt wird. Nach dem Bummel kreuz und quer durch die Gassen hieß es aber nun zurück mit Rih im Schlepptau zum Hotel und für den nächsten Tag war Pfadfindergeist angesagt beim Schlauchreifenkauf.

Ich hatte ja erwähnt, das praktisch an jeder Straßenecke ein Fahrradladen zu finden ist. Ich glaube die Dichte übertrifft sogar die der niederländischen Hauptstadt. Allerdings sind es in der Regel Läden für Alltagsräder. Selbst in Läden für moderne Carbon-Flitzer schien das Wort „Tubular tyre“ unbekannt zu sein oder allenfalls in verstaubter Erinnerung auffindbar. Es brauchte also ein paar Läden bis ich von Tipp zu Tipp einen Bikeshop fand, der ganze 2 (in Worten „zwei“) Schlauchreifen im Bestand hatte. Um die Stimmung der geplanten Rad-Touren-Tage nicht erneut zu gefährden, kaufte ich kurzerhand den Gesamtbestand auf.

Der Reifen war dann schnell aufgezogen und mit frischem Pneu pedalierten wir bei strahlendem Wetter durch CPH vorbei an Cafes, durch Parks und beschaulichen Wohngebieten. Auf dem Weg genossen wir die teilweise 3m breiten Radwege an den Hauptstraßen wie auch den entspannten Mischverkehr in den Nebenstraßen. Man mekt, das nahezu jeder Kopenhagener Autofahrer auch Fahrrad fährt und Radfahrer nicht als störendes Übel ansieht wie in Deutschland.

750_5764Plötzlich standen wir vor zwei lebensgroßen Elefanten aus grauem Naturstein. Die Biertrinker unter den Lesern wissen natürlich, wohin die Räder uns geführt hatten:  zur Carlsberg-Brauerei. Das gesamte, ehemals riesige Brauereigelände wird gerade zu einer Stadtentwicklungsmaßnahme mit Wohn- und Geschäftshäusern umgestaltet. Gebraut wird hier nicht mehr aber in einem kleinen Teil mit historischen Gebäuden gibt es noch ein Brauerei-Museum mit netter Gastronomie im Hof und dem unvermeidlichen Merchandising-Shop. Nach der obligatorischen Stärkung machten sich Mercier und Rih weiter auf den Weg durch die fahrradfreundlichen Straßen in CPH.

Diesmal mit konkretem Ziel: dem ehemaligen Fleischmarkt. Inzwischen haben sich dort einige Unternehmen, Ausstellungsräume und ein breites Spektrum an Gastronomie angesiedelt. Mit so fantasievollen Namen wie „Mother“, „PatePate“, „BollyFood“ und „Kødbyens Fiskebar“, was soviel bedeutet wie „Fleischquartiers Fischbar“ hat man reichlich Auswahl. Heute waren wir jedoch nicht zum Essen hergekommen. Wir hatten uns mit Peter von Butchers & Bicycles verabredet. Dem Areal verdankt der Lastenradhersteller seinen Namen. Über die Testfahrt werde ich jedoch gesondert berichten.

750_5834Vom Butchers kommt man schnell Richtung Sydhavnen über die wohl berühmteste Fahrradbrücke Kopenhagens, die „Cykelslangen“. Mit seiner orangenen Fahrbahn schwingt sie sich über einen Arm des Sydhavnen und verkürzt seit ein paar Jahren eine Hauptverbindung zwischen Vesterbro und den neuen Wohnquartieren am Sydhavnen. Weiter geht’s entlang am Kai über weitere spannende Brückenbauwerke für Fahrradfahrer und Fußgänger.

Die Stadt Kopenhagen will nicht nur dem Radverkehr die Wege verkürzen sondern setzt auch mit diesen architektonischen Highlights ein Zeichen für die Bedeutung des Radverkehrs. Es ginge sicher auch mit profanen Standardbrücken doch hier wird deutlich: Radverkehr ist uns wichtig; er trägt zur Lebendigkeit und Lebenswertheit dieser Stadt bei und das wollen wir zeigen. Hier ist der Fahrradweg in weiten Bereichen komplett von den Straßen getrennt. Immer wieder geht es vorbei an alten Häusern mit ihren Putzfassaden, die ihre Schattierungen in der nordischen Sonne leuchten lassen.

Am Abend folgen wir dem Tipp von Peter. Wer in den letzten Jahren in CPH war, kennt sicher noch die Pappersbruk, eine alte Papierlagerhalle in und vor der sich ein vielfältiges Streetfood- Angebot versammelt hatte. Nun weicht die alte Industriehalle einem neuen Wohnquartier mit Wasserwelt und die Street-Food-Szene ist zwei Inseln weitergezogen. Vorbei an der neuen Oper radeln wir zum Refshale.

Wieder hat sich die Szene im Umfeld alter Gewerbe- und Industriehallen breit gemacht. Breit im wahrsten Sinne des Wortes. Ein kleines Quartier aus fantasievoll umgenutzten Seecontainern bietet ein breites Spektrum an Streetfood jeglicher Geschmacksrichtungen. Unser Tipp: zu zweit die Gerichte teilen und mehr probieren.

Rund um das Refshalebassin siedeln sich alternative Wohnformen an und es bleibt spannend, was wir dort im nächsten Jahr sehen.

Am nächsten Tag geht es mit den Rädern nach Christiania, der Heimat vom Christiania-Bike dem dänischen Pendant zum Bakfiets und dem Pederson-Copenhagen. Das Viertel gibt sich immer noch Alternativ und nicht angepasst aber die Bürgerlichkeit mit Gartenzaun und Gebotsregeln kommt auch hier immer mehr durch.

Der Abend ist dann dem Strand von Amager gewidmet. Badewetter, Strandcafes und Restaurants auf Pontons mit Blick nach Schweden lassen vergessen, dass wir immer noch mitten in der dänischen Hauptstadt sind. Auch die Nähe des Flughafens nehmen wir kaum war, sondern nur die hervorragenden Fahrradwege entlang des Meeres. Ein letzter Blick übers Meer nach Skåne. Am nächsten Morgen werden die Räder verstaut und es geht weiter nach Berlin. Über diesen Fahrrad-Weltensprung später mehr.

 

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