Glanz und Elend

der Weimarer Republik, so titelt die Ausstellung in der Frankfurter Schirn vom 27.10.2017 bis 25.2.2018. Der erste Weltkrieg ist vorüber. Die erste demokratische Republik kämpft unter den Folgen um ihr bestehen. Die Maler der Neuen Sachlichkeit werden zu Seismografen dieser Zeit. Sie dokumentieren neben dem Glanz der Goldenen Zwanziger Jahre auch das Elend einer scheinbar unaufhaltsam scheiternden Republik mit sich rasant entwickelnder Inflation und Massenarbeitslosigkeit. In ihren Bildern werden Malerinnen und Maler wie Otto Dix, George Grosz, Elfriede Lose-Wächtler und Jeanne Mammen zu den Dokumentatoren dieser, für dieses Jahrhundert so entscheidende Zeit.

 

„Einige wenige verdienen Millionen, während abertausende knapp das Existenzminimum haben (…) Den Unterdrückten die wahren Gesichter Ihrer Herren zu zeigen, gilt meine Arbeit“

George Grosz

 

In unterschiedlichen Kapiteln wird dem Betrachter diese vielschichtige Zeit von 1918 bis 1933 verdeutlicht, gezeigt, wie früh bereits manche Künstlerinnen und Künstler in ihren Bildern Hinweise auf das da Kommende gegeben haben. Neben Kapiteln über Emanzipation, die Sozialgeschichte und szenischen Beschreibungen wie „Rein ins Vergnügen“ werden auch am Beispiel des Sports die unterschiedlichen Fassetten verdeutlicht.

 

Nach dem verlorenen ersten Weltkrieg kommt dem Sport die Rolle zu, eine Sehnsucht nach Kräftemessen und Kampf zu befriedigen. Dieses stieß auf die bisher in weiten Bereichen der Bevölkerung vorherrschende Tradition des Turnvaters Jahn und den Radveranstaltungen der Arbeiterradvereine. Und doch sahen Arbeiterschaft, Bürgertum und auch Intellektuelle in dieser kämpferischen Weise ein neues Lebensgefühl.

 

Max Oppenheimer ist in der Ausstellung mit dem Bild „Sechstagerennen II“, um 1929, 72×87 cm, vertreten. Oppenheimer hatte bereits den Kreisen der Avantgarde in Prag, Zürich, und Wien angehört, bevor er 1926 wieder in Berlin ein Atelier bezog. Thomas Mann schwärmte von seinem monumentalen Orchestergemälde „Die Symphonie“ welches Gustav Mahler als Dirigenten der Wiener Philharmoniker darstellt.

Wie auch andere Maler der Zeit widmete sich Max Oppenheimer dem Sujet des Sports. Sportveranstaltungen gehörten zum Vergnügen und Lebensstil des modernen Großstädters. Insbesondere das Berliner Sechstagerennen wurde zunehmend zu einem gesellschaftlichen Ereignis. Seit 1911 bereits wurden die „Sixdays“ im neu errichteten Sportpalast ausgetragen. Die Prominenz feierte mit allen Annehmlichkeiten in den Logen, während sich auf den billigen Plätzen unter dem Dach das Volk, soweit es sich dies noch leisten konnte, seine Leidenschaft für den Radsport entfalten konnte.

 

„Die sachverständigen stehen von abends bis morgens oberhalb der Kurven und auf der Galerie dichtgedrängt wie in einer Sardinenbüchse. (…)Sie kennen jeden Fahrer (..) und fechten für ihren Liebling, wenn es darauf ankommt, Boxkämpfe bis zum k.o. aus.“

Walter Rütt, ehem. Radrennfahrer in Die Arena, Das Sportmagazin, Berlin 1926

 

Auf der Radrennbahn werde viele Disziplinen wie dem Sprint oder der Einerverfolgung zwischen zwei Fahrern im direkten Zweikampf ausgetragen. Einen solchen erbitternden Zweikampf hält Max Oppenheimer in seinem Bild „Sechstagerennen II“ fest. Es sind nicht die feingeschnittenen Gesichter des einzelnen Sportlers die Oppenheimer hier umsetzt sondern die Dynamik des Rennens, die Geschwindigkeit, die Bewegung die er kraftvoll auf die Leinwand bringt. Die angespannten Oberkörper, der feste Griff am Lenker, die die Bildmitte beherrschenden Oberschenkel der Rennfahrer bestimmen das Bild. Sie sind die Bestandteile von Kraft und Geschwindigkeit. Die Maschinen selbst, Reifen und Speichen verschmelzen mit der Bahn. Mit leuchtenden Farben unterstützt der Maler die Dramatik der Szene.

Interessant ist die Darstellung der Kopfbedeckung. Auf den historischen Fotos der Sechstagerennen im Berliner Sportpalast tragen die Fahrer keine Kopfbedeckung. Lederne Sturzringe tauchen erst auf Fotos späterer Rennen auf. Oppenheimer stattet auf dem großen Format zwei Fahrer mit einer farbigen Kopfbedeckung aus die eher an die Kippe erinnert. Allerdings trägt der zentrale Fahrer auf dem Bild „Sechstagerennen II“ eine Kappe mit einer Art Bommel.

sechstagerennen1Bekannt ist auch eine wesentlich größere Fassung des Bildes „Sechstagerennen I“, das auf einer Ausstellung im Wiener Künstlerhaus 1932/33 gezeigt worden war. Die Übereinstimmung des zentralen Motivs und die Farbreste am Spannrand des Bildes „Sechstagerennen II“ lassen darauf schließen, dass Max Oppenheimer die große Fassung auf das Format der zweiten Fassung reduziert und als selbständiges Werk signiert hat.

Max Oppenheimer wird am 1. Juli 1885 in Wien geboren. Er studiert in Wien und Prag und nimmt nach seiner Rückkehr in den Jahren 1908 und 1909 an der Wiener Kunstschau teil. Nach Aufenthalten in Berlin und der Schweiz kehrt er 1931 nach Wien zurück, um von dort 1938 über die Schweiz in die USA zu emigrieren.

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