Auf einen Espresso mit Andrea Reidl

Auf einen Espresso mit Andrea Reidel

 

Die Mittagspause näherte sich dem Ende und eigentlich wollte ich nur noch schnell einen  Espresso trinken. Vorher jedoch noch kurz in den Buchladen. Eigentlich kenne ich zwar alle Fahrradbücher, aber vielleicht gibt es doch noch das 100ste-Buch zum Thema. Und richtig, da lag ein schmaler Band, den ich noch nicht entdeckt hatte. „101 Dinge die ein Fahrradfan wissen muss“. Nicht lange überlegt und ich sitze beim Espresso und blättere im neuen Buch. Beim Kauf hatte ich nicht auf die Autorin geachtet, nun jedoch die Vermutung, dass mich diese nicht enttäuschen wird. Andrea Reidl ist Kolumnistin, Journalistin und Bloggerin zu den Themen Fahrrad, Radinfrastruktur und Mobilitätspolitik. Sie schreibt in Zeitschriften, Tageszeitungen und Onlineportalen. Ich hatte Andrea Reidel kennengelernt, weil Sie für die AGFK – Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen die ersten Polittalks moderiert hatte, zu denen ich einführen durfte bzw. bei denen ich teilweise Diskutant war.

Nun also das Taschenbuch der 101 Dinge. Was könnten denn 101 Dinge sein, die mich als Fahrradfan interessieren? In der Regel sind solche monothematisch zu einzelnen Schwerpunkten; ein Buch für den Schrauber mit 101 Tricks, eins für den Historiker mit den Schlaglichtern der geschichtlichen Entwicklung und eins für den Tourenfahrer mit den no-go’s des Radtourismus. Das Andrea Reidl an die Sache anders herangegangen war, konnte ich schon beim ersten Durchblättern feststellen. Es gibt Kapitel zur Geschichte mit interessanten Details zu den Hochrädern, amüsante Anekdoten wie den Fahrschulunterricht von Mark Twain, der mit einem Krankenhausaufenthalt endete – für den Fahrlehrer- sowie knappe Abrisse der Fahrradentwicklung zum heute üblichen Diamantrahmen. Selbst bei dieser knappen Darstellung waren Neuigkeiten für mich dabei wie die Historie des ABC -Altonaer Bicycle Club. Neben den wichtigen Erfindungen, wie der Dreigangnarbe von Sachs und den Schnellspannern von Campagnolo, kommt Reidl schnell zu den radpolitischen Themen. Der Schnellspanner von Campagnolo zeigt, wie oft bahnbrechende Erfindung aus der Not geboren wurden. Bei Tullio Campagnolo waren es die klammen Finger, die ihm die Chance auf den Sieg nahmen, da es ihm nicht gelang die Flügelmuttern zu lösen, um das Hinterrad zu wenden, die ihn auf die bessere Lösung brachten: Schnellspanner.

Aber zurück den radpolitischen Themen. Hier beleuchtet Andrea Reidl zuerst die Entwicklungen in den Niederlanden und Dänemark, die aufzeigen, wie früh unsere Nachbarn erkannt haben, dass die Entwicklung des MIV – motorisierten Individualverkehr – mit seinen Nebenwirkungen Verkehrslärm, Stau und vor allem Verkehrstoten, so nicht weiter gehen kann. Besonders die Zahl der getöteten Kinder hat die Niederländer 1971 auf die Straße gebracht: 450 Kinder wurden in diesem Jahr Opfer des Verkehrs. Eine Zahl übrigens, die in Deutschland wenig war genommen wird: in 2017 waren es immerhin noch 61 getötete Kinder unter den knapp 30 000 Kindern die in Verkehrsunfällen verletzt oder getötet wurden. Gegenüber unseren Nachbarn waren die Deutschen enorme Spätzünder. Erst 1979 regte sich der Unmut und es wurde in Bremen der ADFC gegründet.

Weiter geht es in einem spannenden Themenwechsel zwischen dem Rad als Instrument der Emanzipation bis zur L’Eroica, den eher älteren Männern in Wolltrikots, von Kunstradfahrerinnen mit Fixieshop in Peking zu der Frau, die den Radmarkt in Deutschland maßgeblich beeinflußt: Susanne Puello.

Das Buch streift vielfältig die ganze Bandbreite der Fahrradthemen, aber auf keinen Fall beliebig. Es zeigt sich ein Faden, warum wir heute dort stehen, wo wir stehen (und unsere Nachbarn deutlich weiter sind). Andrea Reidl spielt in diesem Buch ihr großes Wissen aus und macht Lust darauf, in den Kapiteln zur Historie tiefer einzusteigen, schon mal das Merino-Trikot für die nächste L’Eroica auszusuchen oder ganz einfach im nächsten Winterurlaub die Radnetzqualitäten in Oulu in Finnland zu testen.

Spannende Lektüre für 14.99€, die von mir immer wieder hervorgeholt wird.

Ob Andrea Reidl Espresso trinkt, weiß ich gar nicht. Ich werde Sie mal anrufen.

 

Andrea Reidl – 101 Dinge die ein Fahrrad-Fan wissen muss

GeraMond-Verlag, München

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: