Noch ein Nachklapp – Einbeck

Im Sommer 2020 gab es in der Corona-Pandemie ein Zeitfenster in dem man ein wenig Reisen konnte. Da viel uns ein Gutschein von Freunden wieder in die Hände für eine Reise nach Einbeck.
Einbeck kennt man: hat mit Bier zu tun. Aber was haben Bier und Fahrräder gemeinsam? Nun, Einbeck ist nicht nur eine Bierstadt sondern auch eine Fahrradstadt. HWE und Stukenbrock stehen für Einbeck und gezeigt werden die Exponate gleich in zwei Museen, dem PS-Speicher und dem Radhaus als Teil des Stadtmuseums. Da man beide Museen und den Genuss des Einbecker Bieres nicht an einem Tag schafft, gibt es gleich neben dem PS-Speicher das Hotel Freigeist.


Also beginnen wir im PS-Speicher. Der Name deutet ja daraufhin, das es hier hauptsächlich um Fahrzeuge mit Motoren und zwar mit Antrieb aus fossilen Brennstoffen geht. Allerdings steht die Bezeichnung PS ja lediglich für die Leistung und Fahrradfahrer können über eine längere Zeit immerhin 0,1 PS erbringen. Die Sonderausstellung im Erdgeschoß beschäftigt sich mit Opel. Wie viele spätere Automobilhersteller hat auch Opel mit der Produktion von Nähmaschinen und Fahrrädern begonnen. Von 1886 bis 1940 baute Opel Fahrräder. Die Opel-Söhne waren es, die ihren Vater von der Produktion von Fahrrädern begeisterten. Die Opel Brüder steigerten die Popularität ihrer Produkte durch erfolgreiche Teilnahmen an Radrennen. Anfangs ist Adam Opel noch skeptisch und hält Fahrräder für eine „neumodische Spielerei“ die vorbei gehen wird, doch nach einer Reise nach Paris kennt seine Begeisterung keine Grenzen. Opel steigt in den 1920-er Jahren zum größten Fahrradproduzenten der Welt auf. 1939 wird die Fahrradproduktion an NSU verkauft.

Das Teutonia Rad im PS-Speicher ist dann der Bezug zur Einbecker Fahrradhistorie. Teutonia war eine der Marken von August Stukenbrok. 1890 gründete August Stukenbrok die Firma „Deutschland-Fahrräder“. 1893 verschickte Stukenbrok seinen ersten kleinen Versandkatalog der neben Fahrrädern auch Zubehör enthielt. Zuvor hatte er bereits durch Drucksachen und Zeitungsanzeigen seinen Umsatz stetig steigern können. Er perfektionierte in den nächsten Jahren den Versandhandel von Fahrrädern und Zubehör und nahm später auch artfremde Artikel von Besteck über Korbwagen bis Tabakspfeiffen auf. Bereits 1900 hatte der Katalog eine Auflage von 100.000 Exemplaren und 1902 wurden bereits mehr als 10.000 Fahrräder verkauft. August Stukenbrok hatte bereits früh erkannt, dass er sein Angebot erweitern musste um mögliche Umsatzrückgänge im Fahrradgeschäft aufzufangen.
Wie richtig er lag zeigte sich Mitte der 20er Jahre. Die Geschäfte liefen schleppender und die Konkurrenz wurde größer. Auch konnten Unternehmen, die die Räder komplett selbst herstellten und nicht nur zugelieferte Teile montierten, Vorteile bei der Produktion ausspielen. Im Jahr 1931 dann der Konkurs der Firma. August Stukenbrok hat den Niedergang seiner Firma nicht mehr miterlebt. Er starb im Januar 1930.


Die Fa. Stukenbrok wurde an die Sigurd-Werke in Kassel verkauft. Damit war für Einbeck die Ära Stukenbrok endgültig zu Ende.


Nach dem PS-Speicher nutzten wir unsere Klapp-Räder für eine Rundtour durch die Stadt um weitere Spuren der Fahrradgeschichte zu entdecken. Eines der beiden Räder, ein Kupfer-Metallic HWE Klapprad aus Vierkantrohren mit Doppellgabel und Weißwandreifen rollte somit zurück zu seinen Wurzeln. Am Ende der Rundfahrt konnte dann auch die Verbindung „Einbecker Bier und Fahrrad“ hergestellt werden.


Für den nächsten Morgen hatten wir uns das Radhaus im Einbecker Stadtmuseum vorgenommen. Hier wird die Geschichte das Fahrrades von der Draisschen Maschine bis in die Gegenwart dargestellt und auf die beiden Betriebe Stukenbrok und HWE – Heidemann-Werke Einbeck im besonderen eingegangen.

Und schon taucht die Verknüpfung von Stukenbrok und Heidemann auf. Im Oktober 1936 verlegte der Bielefelder Fahrradfabrikant Karl Heidemann seinen Betrieb nach Einbeck in die ehemaligen Stukenbrok Gebäude. Nachdem von 1940 – 45 auf Kriegsproduktion umgestellt werden musste konnte nach dem Krieg die Fahrradproduktion wieder aufgenommen werden. Bis 1964 produzierte die Firma 3 Millionen Fahrräder. Mehrere neue Fahrradwerke entstanden. Bereits seit 1955 wurden auch Automobilteile produziert. Nach und nach trat die Fahrradproduktion in den Hintergrund und 1993 wurde aus dem ehemaligen Familienbetrieb eine Risikokapitalgesellschaft und damit die Fahrradproduktion endgültig Geschichte..

Im Radhaus, einem Teil des Einbecker Stadtmuseums wird die gesamte Geschichte des Rades in zahlreichen Exponaten dargestellt, beginnend mit der Draisschen Laufmaschine über die Hochräder bis hin zu den Produkten von Stukenbrok und Heidemann. Ein Schwerpunkt bildet auch das Thema Rad und Frau. Meine Geschlechtsgenossen, voran Ärzte und Pfarrer waren der Meinung, dass es sich für eine Frau nicht schickte, ja gar gesundheitsschädlich sei auf ein Rad zu steigen. Zum Glück haben es sich die Frauen nicht nehmen lassen Rad zu fahren.

Ergänzt werden die zahlreichen Fahrräder durch Zubehörteile wie Klingeln, Beleuchtung und Fahrradkörben. Stukenbrok’s Katalog war nahezu unerschöpflich in seiner Vielfalt.
Alle Exponate ausreichend zu würdigen ist kaum bei einem Besuch zu schaffen. Und das Einbecker Bier kann man sicher auch noch ein zweites Mal probieren.

PS.Speicher Einbeck
Tiedexer Tor 3, 37574 Einbeck
(Zufahrt über Jahnstraße)
Telefon: +49 (0) 5561 923200
E-Mail: entdeckung@ps-speicher.de
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 10:00 Uhr bis 18:00 Uhr
Montag: geschlossen, an Feiertagen geöffnet

Stadtmuseum Einbeck
Auf dem Steinwege 11/13
37574 Einbeck
+49 (0)5561 916 504
museum@einbeck.de
Dienstag bis Sonntag, jeweils 11 bis 16 Uhr
Montag Ruhetag

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