Traumrad – Auf der Suche nach dem besten Fahrrad der Welt

Erst vor kurzem viel mir das Buch von Robert Penn in die Hände – oder eigentlich wurde ich erst auf den Film von ihm aufmerksam gemacht. Ich hatte gerade meinen Brian Rourke Rahmen aus den 80ern erstanden und ihn, um mehr darüber zu erfahren, in mehreren Foren vorgestellt. Ein Mitleser machte mich auf den Film der BBC aufmerksam, in dem Penn um die halbe Welt reist um sich die Komponenten für sein Traumrad zu beschaffen.

Auch ich hatte mir ja schon vor einiger Zeit mein Traumrad zusammengestellt, nur war ich dafür nur nach Berlin gereist um den Rahmen abzuholen und beim Radstudio Wohltmann in Oldenburg die Laufräder bauen lassen. Alle Komponenten habe ich mir völlig unspektakulär schicken lassen.

Anders Robert Penn. Der Journalist, Buchautor und Weltreisende nahm sich vor, die Komponenten nicht nur selbst abzuholen sondern auch wenn möglich deren Produktion zu begleiten. Zwar ließen sich nicht alle Hersteller in die Produktionskammern schauen aber zumindest reichte es immer für wenige Blicke ins Allerheiligste und spannende Gespräche. Den Film hatte ich zwar schon vor längerer Zeit gesehen aber ich betrachtete Ihn natürlich jetzt mit anderen Augen, denn Penn’s Reise begann in der Rahmenschmiede von Brian Rourke. Eben jenem Rahmenbauer aus Stoke-on-Trent dessen 80er Jahre Rahmen nun bei mir an der Wand hing und darauf wartete neu aufgebaut zu werden. Der ca. einstündige Film „Ride of my Life“ ist bei youtube zu finden.

Schon 2010 erschien das Buch zu dieser ungewöhnlichen Reise und der Idee sich sein Traumrad zu bauen. Unter dem Titel „It’s all about the bike“ oder unter dem deutschen Titel „Traumrad – Auf der Suche nach dem besten Fahrrad der Welt“ beschreibt Robert Penn nicht nur das Einsammeln der Komponenten und den Aufbau „seines“ Traumrades sondern ganz nebenbei die Geschichte des Fahrrades und seiner Teile, dass nach Penn’s Überzeugung eine der besten Erfindung der Geschichte ist. Natürlich sind insbesondere zum 200sten Jubiläum des Fahrrades zahlreiche Bücher zu dessen Geschichte erschienen, Penn jedoch schafft es ganz nebenbei, sozusagen zur Überbrückung der Reisezeiten zwischen England, Hesssen und Californien uns die ganzen Umwege, Widrigkeiten und Zufälle zu erläutern, die es bedurfte zu dem zu kommen, das wir heute das perfekte Rad nennen.

Wieviel Jahre und welche Rückschläge erforderlich waren den idealen Rahmen mit etwas, für uns so naheliegendem wie der Verbindung einer Tretkurbel mit einer Kette und dem Hinterrad bedurfte oder warum es ein irischer Tierarzt es war, der durch seine Erfindung des luftgefüllten Pneus uns einen Meilensprung des Fahrkomforts bescherte.

Penn beginnt natürlich mit dem grundlegendsten, dem Rahmen. Er hat sich für Brian Rourke als Rahmenbauer und für Stahl als Material entschieden. Rourke macht in den Gesprächen deutlich, wie wichtig es nicht nur für die Leistung sondern auch für Wohlbefinden und Komfort des Radfahrens ist, das Fahrer und Rahmengeometrie optimal aufeinander abgestimmt sind. Rourke kann auch deutlich machen, warum es neben reinen Formeln und messen auch erhebliches Maß an Erfahrung braucht, einen guten Blick für die Haltung des Fahrers und seine Körperbewegungen, um einen „passenden“ Rahmen zu konfigurieren.

Es führt dazu, dass man Eins wird mit seinem Rad. Vielleicht nicht so wie in Flann O’Brian’s „Der dritte Polizist“, der der festen Überzeugung ist, dass sich zwischen Fahrer und Gefährt nach und nach Moleküle austauschen und sie immer mehr verschmelzen.

Für Penn bleibt nun genügend Zeit, zu den Produktionsstätten seiner Traumkomponenten zu reisen. In hessischen Korbach bei Continental begleitete er die Produktion seiner Reifen, dort wo auch die Fahrer der Tour de France bedient werden. Bei dem Bauteil, bei dem die größte flächenmäßige Berührung zwischen Fahrer und Rad stattfinden, entscheidet sich Penn für einen Brooks B 17. Aus eigener Erfahrung seiner Weltreise, auf der Ihn der Brooks nicht im Stich gelassen hat aber vielleicht auch, weil ein Kernledersattel und ein Stahlrahmen eben eine klassische Kombination darstellen. Bei anderen Komponenten wie dem Vorbau und Lenker von Cinelli läßt er sich von den modernen Kohlefaser-Produkten überzeugen. Campagnolo für die Antriebsgruppe und Chris King für den Steuersatz führen ihn von Italien nach Californien.

Den Laufrädern kommt eine besondere Bedeutung zu. Sie tragen nicht nur Rahmen und Rad sonden bestimmen über Handling, Wendigkeit und Lauf des Rades. Penn hat Steven “Gravy” Gravenites als Laufradbauer ausgewählt. Die Leichtigkeit und Präzision, mit der er die Wheels baut, in welcher Geschwindigkeit er auch ohne Messinstrumente die Räder vorzentriert, lassen mich vor Hochachtung erblassen und erahnen wie viele Stunden ich mit Speichenschlüssel und Messuhr hantieren muss um meine Arbeit auch nur annähernd zu einem passablen Ergebnis zu führen.

Zurück in Stoke-on-Trent mit einem großen Karton von seiner Einkaufstour hat Jason Rourke den Rahmen fertiggestellt. Nun kommt die für Robert Penn wohl schwierigste Entscheidung, die Entscheidung über die Farbe des Rahmens. Gemeinsam stehen sie vor dem Regal mit Lackdosen und kombinieren, verschieben, tauschen aus und verwerfen wieder. Irgendwann stößt Penn auf eine Dose mit Lila. Darauf sagt Jason einfach „nö“ und fährt fort:

„Rob, eines Tages werden Sie mir dafür dankbar sein. Vielleicht schon heute. Aber auf keinen Fall werde ich Ihr Rad lila spritzen. Wir haben nicht mehr 1973. Wir fahren heute Abend nicht zu einem Slade-Konzert.“

Nun kann ich mich zwar noch an die Musik von Slade erinnern, habe sie jedoch nie mit der Farbe Lila in Verbindung gebracht. Sucht man jedoch im Internet, findet man schnell das ein oder andere Foto mit lila Kleidung, ein Cover mit lila Schriftzug und Slade-Mitglied Noddy Holder trägt sogar noch heute einen lila Schal.

Zu guter Letzt wird das Rad Blau mit oranger Banderole und nach dem endgültigen Aufbau kann Robert Penn zur Jungfernfahrt starten. Er stürmt und regnet, aber er kann es nicht abwarten. Ich kann es nachvollziehen. Es ist eben ein gewaltiger Unterschied, ob man in einem Laden geht, ein komplett ausgestattetes Rad kauft, bei dem man grad noch zwischen 6 Rahmengrößen wählen kann oder ob man sein Traumrad in den Händen hält und nun zum ersten Mal spürt mit welcher Präzision und Laufruhe dieses Rad, dessen Bau man solange begleitet hat, ja dem eine vielleicht noch längere Zeit der Auswahl von Komponenten vorausgegangen ist einen durch die Landschaft führt.

Und ich muss jetzt erstmal los und mir ein Slade-Album kaufen, denn mein Brian Rourke ist schließlich Lila.

Und hier noch der Link zum Film: https://youtu.be/leg9iYK-9E0

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