Vello.bike – mit Unterstützung durch Wien

Auch wenn man noch so radbegeistert ist, stößt man immer noch auf neue Konzepte. Auf der Langen Nacht der Fahrradläden in Berlin hatte ich es schon bei Bicicli gesehen aber es blieb zu wenig Zeit um sich mit Vello zu beschäftigen. Nun war ich in Wien und bekam die Gelegenheit das Vello ausführlich zu testen. Pünktlich zu meiner Ankunft begann in Wien der Frühling. Mollardgasse, parallel zur linken Wienzeile, ein alter Gewerbebau zwischen Schule und Wohnbauten. Das Werkstättengebäude für Kleingewerbetreibende mit anschließenden Volkswohnungen entstand 1908/09.

Ergänzend zur Hausnummer braucht man noch die Stiegennummer um sich zurecht zu finden; oder einen aufmerksamen freundlichen Hausmeister, der die Mieter kennt und weiß, wer beim wem zur Untermiete schafft. Ach ja, freundlich! Ich bin nun recht häufig in Wien und kann mittlerweile den Tonfall einordnen. Was ich als ‚freundlich‘ bezeichnet habe, würde ein uneingeweihter vielleicht als mürrisch interpretieren. Also erste Stiege, dritter Stock. Ich bin gespannt. Valentin öffnet mir die Tür und ich darf ins „Allerheiligste“. Büro, Konstruktionslabor, Lager, Besprechungsraum und Kaffeetisch. Neben Valerie und Valentin, die Vello betreiben, teilt man sich die Fläche noch mit anderen. Valentin entschuldigt sich für die Enge und erzählt, dass sie bald einen eigenen Showroom in Wien beziehen werden.

Beim Kaffee wird das Testrad für mich präpariert. Eigentlich hat sich Valentin immer schon mit Raddesign beschäftigt, hat schon zu einer Zeit ein Lastenrad mit Neigetechnik konstruiert, zu der zumindest in Wien niemand sich für Lastenräder interessiert hat. Und warum dann ein Faltrad? Auslöser war eine Reise nach Kuba. Zu dritt wollten Sie eine Rundtour über die Insel machen und dabei möglichst unabhängig sein. Also wurden aus einfachen Rohrsätzen mal eben ein paar faltbare Räder konstruiert, die in einem Großbildschirmkarton passten. Auf der Reise erlebten die Falträder dann Viertel und Buchten, die ohne Rad zumindest nicht so leicht auffindbar gewesen wären. Aus dem Urlaubsrad wurde dann die Aufgabe ein perfektes – ja was, Falt-? oder Klapprad? Zu konstruieren. Überhaupt diese Kategorisierung. Die Konstruktion sollte leicht sein, sich fahren wie ein erwachsenes Rad, schnell zu klappen sein und für die Großstadt optimiert sein. Vello war geboren (zumindest nach einiger Konstruktionszeit und viel Detailarbeit).

Mittlerweile ist daraus eine ganze Familie geworden – vom Urbano über Speedster und Rocky bis zum Bike+

Bis auf das Bike+ unterscheiden sich die Typen durch Schaltung, Reifenbreiten und Ausstattungsaccessoires. Das Bike+ jedoch fährt in eine andere Richtung. Ausgestattet mit einem E-Antrieb der besonderen Art unterstützt der Nabenmotor in der Hinterachse den Fahrer bei seiner Tour durch den Stadtjungle. Genau dieses Rad wollte ich testen. Zuerst noch die App Bitride geladen und eingelockt und ab – in den Fahrstuhl.

Die App zeigt neben den normalen Werten für Dauer und Distanz auch den Ladezustand an. Apropos Ladezustand. Das Vello Bike+ ist mit einem 250 W Motor ausgestattet, dessen System zur regenerativen Energierückgewinnung dafür sorgt, die die Akkuleistung zu verlängern. Bei Gegenwind, bergauf und bei schneller Beschleunigung unterstützt der Motor und der Akku wird bei Bergabfahrten, Bremsmanövern und Rückenwind dank der K.E.R.S.-Technologie wieder aufgeladen. Valentin hatte über die App die Steuerung auf Turbo eingestellt, was ich sofort ausnutzte. Mit guter Geschwindigkeit ging es durch die Straßen von Wien. Die Steigungen zwischen Wienzeile und Mariahilfer-Straße nahm ich ohne Mühe, so mühelos, dass ich diese Strecken gleich mehrfach nahm. Beinahe hätte ich meine Verabredung mit Gianluca im Museumsquartier vergessen. Da der Akku zu Beginn meiner Tour nur zu 40% geladen war und ich den Turbo bei den steilen Straßen zur Genüge ausgenutzt hatte, musste ich nun doch mal an die Steckdose. Also das Vello gefaltet und ab ins Corbaci. Die französischen Architekt*innen Anne Lacaton und Jean Philippe Vassal, zeichnen für den Entwurf und die Ausführung des Az W Café Restaurant Corbaci verantwortlich. Gianluca hatte ich auf Instagram kennengelernt, da uns die Liebe zu den Rennrädern der 70er und 80er vereint.

Das Falten des Rades hatte Valentin mir zweimal gezeigt, ich hab eine Trockenübung gemacht und im übrigen ist das Rad ja zum Fahren da. Nun aber stellte sich heraus, dass ich doch 2 – 3 Versuche brauchte, bis das Rad gut gefaltet an der Steckdose hängt. Das Personal im Cafe war so freundlich mich an den Saft zu lassen. Die Rekuperation funktioniert nur, wenn eine Mindest-Akku-Leistung vorhanden ist und ich habe es auf den ersten Kilometern etwas zu toll getrieben. Nach zwei Melange und einem netten Gespräch konnte ich wieder hinaus in die Stadt. Ein Stück über die Ringstraße, durch die Straßen von Wieden und über den Karlsplatz. Eigentlich wollte ich noch ins Hotel und mit der Bim zum Eröffnungstermin der Konferenz fahren, nun aber nutze ich die Zeit, um über Fahrradwege und durch die kleinen Straßen im 3. und 4. Bezirk zu fahren. Noch ein paar Fotos vor der Karlskirche. Und natürlich kommt das Vello mit auf die Dachterrasse der TU zum IceBreak der Tagung. Bei den Fahrradbegeisterten des Abends ist Vello schnell das Thema und die Dachterrasse eignet sich für kurze Probefahrten. Zum Glück hatte ich den Turbo bereits ausgeschaltet. Am Abend geht es sicher dank der eingebauten Beleuchtung zurück zum Westbahnhof.

Am nächsten Morgen stehe ich extra früh auf, um die Zeit vor dem Konferenzbeginn mit dem Vello zu nutzen. Frisch geladen und auf Normalbetrieb gestellt, zeigt der Akku 100% Leistung an. Kreuz und quer durch Neubau, hinunter zur Ringstraße nochmal ein Stück hoch zum Spittelberg, ein kurzer Besuch an der Oper und natürlich die Stadtbahnstation von Wagner am Karlsplatz nicht vergessen. Dann muss das Vello sich während der ersten Vorträge gedulden. Mittags noch eine Runde über den Naschmarkt und dann muss ich „mein“ Vello wieder abgeben. Die Batterie zeigt immer noch 100% an. Die Rekuperation hat im normalen Unterstützungsmodus hervorragend funktioniert.

Fazit

Das Vello ist ein hervorragendes Rad für den urbanen Bereich. Die Rekuperation funktioniert bei moderater bis guter Unterstützung in einer Stadt wie Wien hervorragend. Im Turbo-Betrieb hat man sicher den maximalen Fahrspaß, muss dann aber nach ca. 25 km an die Steckdose, was aber zu netten Gesprächen mit dem Kaffeehauspersonal führt.

Der Faltvorgang bedarf ein wenig Übung geht dann aber schnell und fließend. Schon die einfache Faltung führt zu einem kompakten Paket, welches sich aber noch gut schieben lässt. Wenn es noch etwas kompakter sein darf, lassen sich Sattel und Lenker noch absenken und der Lenker ebenfalls noch einklappen. Vorder- und Rücklicht sind integriert und werden magnetisch am Rahmen gehalten. Mit Magneten werden ebenfalls Rahmen und Vorderrad miteinander fixiert. Der Magnet ist ausreichend stark dimensioniert, so dass es sich auch nicht auseinanderfaltet, wenn das Rad getragen wird. Im übrigen machte ich eine nette Entdeckung. Da ich immer wieder nach Fotomotiven suchte und das Rad möglichst gerade stehen haben wollte, lehnte ich es zufällig an einen Schildermast und das Rad stand perfekt, da der Magnet das Rad am Mast fixierte. Ist aber sicher nicht als Ständer zu empfehlen.

Das Rad ist leicht. Vello beginnt bei ultraleichten 8,9 kg und ist auch in der von mir gefahrenen Elektroversion mit knapp 13 kg noch leicht zu händeln (und kaum schwerer als mein britisches Faltradmodell). Motor, Akku und Ladeeinheit sind kompakt in der Hinterradnabe untergebracht, ein weitere Pluspunkt, da keine unproportionierten Akkus die Linie stören. Das Ladegerät ähnelt dem eines Notbooks. Vielleicht wäre es überlegenswert mit den verschiedenen Ladegeräten von Laptops kompatibel zu machen, denn das hat die Zielgruppe sowieso bei sich

Alles in allem ein hervorragendes Rad für den multimodalen Stadtradler. Zwei Punkte sind mir dann doch noch aufgefallen. Mit meinen Lederschühchen bin ich beim schnellen Start das ein oder andere Mal von der Pedalen abgerutscht und zu mindestens bei den noch Radweg unerfahrenen Wiener Touristen täte ein Signalhorn (120 dB) not, sauber integriert und dank Rekuperation immer einsatzbereit.

 

 

 

2 Kommentare zu „Vello.bike – mit Unterstützung durch Wien

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  1. Hallo Werner, der Austausch des Akkus kann jederzeit von jeder autorisierten VELLO-Werkstatt unkompliziert durchgeführt werden. Es besteht auch die Möglichkeit einer Ferndiagnose des Antriebssystems um bereits im Vorfeld beurteilen zu können ob ein Austausch/eine Reparatur notwendig ist. Im VELLO Bike+ sind Li-ion Akkus der neuesten Generation (29,6V, 160Wh) verbaut, mit hoher Haltbarkeit für mindestens 3000 Ladezyklen (entspricht etwa 90.000km). Liebe Grüße von VELLO!

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