Radfahren in Wien

Ich hatte ja schon über meine Testfahrt mit VelloBike in Wien berichtet. Allerdings habe ich dabei nicht nur die Architektur der KuK-Zeit bewundert sondern ich war gespannt auf die Qualität der Fahrradinfrastruktur. Seit längerem lese ich den Newsletter der Mobilitätsagentur Wien und bin immer wieder von der Gestaltung und inhaltlichen Kraft begeistert. Ein Jahr Newsletter lesen und man ist überzeugt, das Wien der Fahrradhauptstadt Kopenhagen dicht auf den Fersen ist. Nun also der Praxistest. Los geht’s am Gürtel und dann kreuz und quer durch die inneren Bezirke der Stadt. Ich starte mit Begeisterung am Neubaugürtel. Der Radweg wird gemeinsam mit der Tram auf dem breiten Mittelstreifen geführt. Meine Begeisterung erhält allerdings bereits nach wenigen hundert Metern den ersten Dämpfer. Der Weg wechselt auf die westliche Straßenseite: einmal rechts ab, eine Ampel, dann links über die nächste Ampel. Auf grüner Radspur geht es vor dem Wiener Westbahnhof entlang des viel befahrenen Gürtels bis – ja, bis ich am Europaplatz nach wenigen hundert Metern wieder über zwei Ampeln und eine links/rechts-Kombination auf die Mittelinsel geführt werde. Richtung Süden werden jetzt die Abstände dieses Wechselspiels länger, sind jedoch grundsätzlich nicht zufriedenstellend. Allerdings sind die Abschnitte auf der Mittelzone wirklich entspannt zu fahren, mitten in der Stadt auf einer Art Radschellweg (wenn die Ampeln nicht wären). Unverständlich jedoch, warum sich Zweirichtungsradweg und Fußgänger sich den breiten Weg auf der einen Seite der Grünen Mittelinsel teilen müssen wogegen der andere Weg ausschließlich den Flaneuren vorbehalten ist.

Ich biege ab Richtung Wienzeile und hier hat dann auch ein Radweg sein Ende, obwohl natürlich die Stadt und der Verkehr kein Ende haben. Ein Stück weiter ist entlang dem Wienfluß jedoch wieder ein Radstreifen in jeder Fahrtrichtung vorhanden.Ich schlagre mich aber durch die kleinen Straßen hinauf bis zur Mariahilfer Straße. Seit meinem letzten Wienbesuch wurde sie zur Fahrradstraße umgebaut und der Autoverkehr deutlich reduziert. Die Qualität der Straße ist deutlich gestiegen. Fußgänger können entspannt die Straßenseite wechseln, die Fußwege sind breiter das Straßenprofil wirkt großzügiger. Hinunter geht’s is Museumsquartier zur Kaffeepause.

Wieder auf dem Rad entlang der Ringstraße. Auch hier gute Fahrradwege. Insbesondere in den Kreuzungsbereichen wird die Wegeführung durch die auffällige und dem Mobilitätsmittel entsprechende grüne Farbe gekennzeichnet. Dies ist insbesondere hier in der Innenstadt auch notwendig, da die Fußgängerdichte zunimmt und isbesondere Touristengruppen zu gefährlichen Hindernissen werden, das sie nur auf Denkmäler und Architektur achten und durch die Straßen laufen als würde die welt um sie herum nicht in Bewegung sein. Noch einen Besuch an der Karlskirche und dann eine Rundfahrt auf der Dachterrasse der Technischen Hochschule. Nach dem netten Abend unter freunden geht es dann auf kürzestem Weg zurück ins Hotel.

Am nächsten Morgen geht’s nach dem Frühstück los, kreuz und quer durch den vierten Bezirk. Die kleinen Straßen haben überwiegend keine Radverkehrsanlagen. Der Autoverkehr ist jedoch so langsam, dass ich nicht überholt werde. Es gibt kaum brenzliche Situationen. Nur auf einer Kreuzung meint ein SUV-Fahrer mit Stern mir die Vorfahrt nehmen zu müssen. Der Stern steht halt auch hier für „eingebaute Vorfahrt“ oder besonders arrogant.

Kurz vor Schluss der Rundtour stieß ich noch auf einen Fahrradladen, dessen Programm ich hier nicht erwartet hätte: Hollandräder in Wien?

… ist ein schick gemachter Eckladen in einem Gründerzeithaus. Ich komme schnell mit dem Inhaber ins Gespräch und schon nach den ersten Worten wird deutlich, das er kein Wiener ist. Der Dialekt passt eindeutig zum Produkt. ….. ist Niederländer und war der Meinung, das marken wie Gazelle und Amsterdam hervorragend zu Wien passen. Der Erfolg gibt ihm augenscheinlich recht. Er berichtet mir, dass die Wiener, die eine Probefahrt mit einem Hollandrad machen, sehr begeistert sind. Aber wem sagt er das. Schließlich möchte ich auch nicht auf meine Gazelle im Stadtverkehr verzichten.

Fazit: Die vorhandenen Infrastrukturelemente sind gut. Die Wegeführung zeugt insbesondere am Gürtel davon, dass zugunsten der Radfahrer niemand Anderem weh getan werden sollte. Vielleicht gibt es hier mit der Zeit noch Verbesserungen und die Verkehrsbehörde sieht ein, dass ein paar Parkplätze zugunsten einer durchgängigen Radwegführung ruhig entfallen dürfen. Immerhin plant IKEA am Westbahnhof das erste schwedische Möbelhaus ohne Parkplätze. Insgesamt ist das Netz noch sehr unvollständig. Ich konnte bei meinem kurzen Aufenthalt nur das Netz innerhalb des Gürtels testen. Wie es in den Außenbezirken aussieht und wie die Pendler versorgt werden muss mein nächster Besuch zeigen. Im Augenblick muss Kopenhagen noch keine Angst haben von Wien überholt zu werden. Da gibt es in Europa noch andere Städte, die eher dieses Niveau erreichen werden. Dennoch kann ich Wien per Rad nur empfehlen. Man bekommt wesentlich mehr von der Stadt mit als mit dem ÖPNV und ist spontaner in seiner Stadterkundung. Wer kein eigenes Rad mitbringen mag oder nicht die Gelegenheit hat ein Vellobike testen zu dürfen, für den stehen die unterschiedlichsten Verleihsysteme zur Verfügung. Wenn das Radfahren Spaß machen soll, sollte man sich für ein Leihrad aus einem Fahrradladen entscheiden. Ach ja, und wer ungeübt ist sollte daran denken, dass Wien durchaus hügelig sein kann.WienInfrastr-038

 

 

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