VELOBerlin – die nächste Fahrradmesse

Alle zwei Wochen eine Fahrradmesse – das würde übers Jahr sogar meine Leidenschaft überbeanspruchen. Da aber Berlin immer eine Reise wert ist und ich es vor Corona nicht geschafft hatte die VELOBerlin zu besuchen, war es mir ein großes Anliegen, wenigstens an einem Tag dabei zu sein. Ich war gespannt auf das Event, dass von den Veranstaltern professionell und mit viel Spannung angekündigt wurde. Am Samstag wollte ich pünktlich um 10.00 im Hangar 5 sein, da Gunnar Fehlau vom Pressedienst Fahrrad und dem Wriders Club zum Blogger-Frühstück geladen hatte. Da direkt um Zehn noch niemand aus der Blogger-Szene zu sehen war, bot sich ein erster Rundgang durch den Hangar an. Neben den bekannten Marken der Fahrradbranche war auch ein breites Spektrum kleinerer Labels aus dem Bereich Radmode und Zubehör versammelt.


Ein Blick in die Kaffete zeigte noch keinen der Blogger:innen. Sollten Sie schnellsten Schrittes gleich aufs Freigelände geeilt sein oder noch an den letzten Blogbeitrag feilen?


Das Außengelände! Bereits der erste Blick zeigt, dass hier die VELOBerlin ihre Asse gegenüber manchen Mitbewerbern ausspielen kann. Unter dem weit auskragenden Dach der alten Hangars fand der größte Teil der Aussteller seine Plätze. Auf dem Vorfeld drehten bereits die ersten Besucher Testrunden. Aber ohne Kaffee? No way! Inzwischen saß auch ein kleines Clübchen um Gunnar bei Kaffee und Sandwich/Kuchen. So ist der Einstieg in einen ausgedehnten Messetag richtig. Mit Respekt vernahm ich Gunnars Schilderung, dass er am Morgen um 5 aufgestanden sei um die letzten 80 km des Candy B. Graveller runter zu reißen und pünktlich zum Blogger-Frühstück auf der VELO zu sein. Nach dem Motto: nach dem Kaffee ist vor dem Job versammelten sich Journalisten, Blogger und Rundfunkteams bei Flux FM zum Presserundgang.

Es war eine Mischung aus Herstellern und Projekten ausgewählt worden, die das ganze Spektrum der Aussteller wiederspiegelten. Los geht’s mit Schwalbe die auf ihrem Stand den Focus auf Recycling gelegt haben. Schon seit einiger Zeit arbeitet Schwalbe daran die Schläuche zu recyceln und ist mittlerweile bei einem Anteil von 20 % Recycling Granulat angelangt, die den neuen Rohstoffen zugesetzt werden. Dieser Anteil soll weiter gesteigert werden. Seit sieben Jahren forscht Schwalbe zu diesem Thema und hat mittlerweile 6 Millionen Schläuche wieder über die Händler dem Recycling zugeführt. Für Schwalbe ist Recycling nicht ein netter Marketinggeck wie Paul erläutert, sondern ein wichtiger Unternehmensbestandteil. Dies soll auch dadurch unterstrichen werden, dass auf der Eurobike der nächste Schritt präsentiert wird – Recycling im Fahrradreifen.
Auf dem Stand von Ortlieb geht es dann um die unterschiedlichsten Arten der Fahrradtaschen von den bekannten Bags zu ganzen Systemen des Bikepacking. Bei Ortlieb seit jeher groß geschrieben die Befestigungssysteme um schnell und unkompliziert die unterschiedlichen Taschensysteme am Rad zu befestigen und zwischen den Buissenes-Fahrten und der Radreise an einem Rad alle Ansprüche zu erfüllen. Ortlieb kann mit Herstellung und Ausrüstung der Produkte in Deutschland punkten und eine 10-jährige Liefergarantie von Ersatzteilen nachweisen. Neben Recycling der andere Nachhaltigkeitsaspekt.

Bei Brose geht es erstmal um den Antrieb. Halt mal! Der Antrieb bin doch ich! Zunehmend eben doch nicht mehr. Brose bietet uns Einblicke in die Technik und erläutert uns die Sanftheit des Antriebs durch den kohlefaserverstärkten Gates-Riemen an der Stelle, an der andere Hersteller ein verzahntes Getriebe benutzen. Ich denke, an dieser Stelle kann die VELOBerlin mit dem großen Testgelände ihre Stärke ausspielen. Dass, was die Hersteller versprechen können die Besucher sofort nebenan erfahren.
Uns treibt es jedoch weiter zu Stevens, dessen Mitarbeiter zu meiner Freude ganz klassische Gravelbikes ohne E-Antrieb vorstellt. Ein wirklich sauberes Design, ausgestattet mit hochwertigen Komponenten von Shimano. Ganz ohneE-Antrieb geht es dann doch nicht. Die DI2 Schaltungen werden elektronisch gesteuert um noch schneller, exakter und mit sauberen Übergängen zu schalten. Dass Stevens noch immer den größten Teil des Umsatzes mit Fahrrädern ohne E-Antrieb erzielt, beruhigt mich dann doch bei allem E-Bike-Hype.

Die Presserunde zieht weiter zu einem spannenden Berliner Projekt. Im Freilauf -DIY Bike Camp können Kinder und Jugendliche ihr eigenes Rad aus alten Rädern „recyceln“ und werden mit viel Spaß und Kreativität ans Rad und Fahrradfahren herangeführt.
Mich führt es nun jedoch weg vom Presserundgang zu einem anderen Aspekt der VELOBerlin – Fahrradpolitik und Mobilitätsdiskussion. Neben der Hardware „Fahrräder“ punktet die VELOBerlin auch mit Diskussionsforen, Vorträgen und Erfahrungsberichten. Auf dem Weg zur Podiumsdiskussion „Fahrradlobbyismus: Geschickt in die Gänge kommen“ treffe ich Burkhard Stork, Geschäftsführer des ZIV. Wir haben uns vor ein paar Jahren auf einer Veranstaltungsreihe der AGFK – Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen Niedersachsen/Bremen kennengelernt, die ich in meiner Funktion als Vorstandsmitglied der Vereinigung mitorganisiert hatte. Damals noch Bundesgeschäftsführer des ADFC hat Stork inzwischen zum Industrieverband gewechselt um nicht weniger engagiert für die stärkere Rolle des Radverkehrs in Deutschland zu kämpfen.

Die Diskussion wird von Weert Canzler und Theresa Pfaff vom Wissenschaftszentrum Berlin geführt. Mit auf dem Podium sitzen noch Ann-Kathrin Schneider, Bundesgeschäftsführerin des ADFC und Thomas Stein vom difu – Deutschen Institut für Urbanistik. Die Diskussion wendet sich schnell dem Schlüsselthema „Sicherheit für Fahrradfahrende“ zu. Alle Beteiligte sind sich einig, dass eine deutliche Steigerung der Zahl Radfahrer:innen nur durch eine Steigerung der objektiven und subjektiven Sicherheit erreicht werden kann. Gleichzeitig ist aber zu konstatieren, dass Personalengpässe, Gesetze und Regelwerke wie auch Engpässe in der Bauwirtschaft schnellen Lösungen im Wege stehen. Muss dann nicht mindestens übergangsweise den Kommunen die Möglichkeit gegeben werden Tempo 30 in den Innenstädten einzuführen? Doch diesem Podium sollte ein eigener Bericht gewidmet werden.

Wir schlendern weiter über das Freigelände. Es wird überdeutlich, wie die Hersteller die weitere Entwicklung am Fahrradmarkt einschätzen: „elektrisch“ und „Last“ in allen Varianten. Zweirädrig, dreirädrig, mehrrädrig, Last vorne, Last hinten, kaum noch ohne E-Antrieb und oft sind Fahrer:innen und Passiere im wahrsten Sinne des Wortes geneigt. Ich sperre mich persönlich weiterhin gegen den Besitz eines Lastentiers und setzen auf Leihsysteme. Eine andere Art von „leihen“ verfolgt Alex Lutz von Cargobike.jetzt mit der Cargo-Bike-Roadshow und dem Konzept „flottes Gewerbe“. Sie touren durch die Städte und setzen auf Überzeugung durch ausprobieren. Wir sitzen in der Sonne, sehen der Cargo-Bike-Tournee der AGFK in Niedersachsen entgegen und überlegen, wie Handwerk und Industrie mehr für das Thema begeistert werden können.
Ich überlege, ob ich noch der Testeinladung von Hagen-Bikes auf eine Probefahrt folge aber entscheide, dass das mittlerweile absolut gut ausgenutzte Testgelände bei mir keine Fahrfreude mehr auslöst. Die Testfahrt muss also noch warten und führt dann zu einem eigenen Bericht.
Wie ich bei meiner Rückkehr aus Berlin am Ende des Wochenendes dann lesen kann, sind die Macher:innen der VELO absolut zufrieden mit der Resonanz. Die zehnte VELOBerlin bereitete nach zweijähriger Pause wieder eine hervorragende Bühne für dass Fahrrad und bot 15.000 Besuchern Testerlebnisse und einen umfangreichen Austausch mit Herstellern, Politik und Initiativen. Neue Mobilität braucht diesen Austausch und der Fahrradmarkt eine solche Bühne. Möge die Industrie so gestärkt in das Jahr gehen, lieber Burkhard Stork, um ihre Lobbyaufgabe weiter auszubauen und an die Lobbyarbeit des Mitbewerbers „Auto“ heranzukommen.

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